Agile

Scrum vs. Kanban – womit starten?

Scrum und Kanban sind die am weitesten verbreiteten agilen Frameworks, wobei Scrum laut der Studie Status Quo Agile 2016/2017 mit 85% Nutzung deutlich die Nase vorn hat. Doch auch Kanban ist auf dem Vormarsch. Ich kenne viele Teams die irgendwann von Scrum auf Kanban umstellen. Wer beginnen möchte, in seinem Unternehmen oder einzelnen Teams agile Arbeitsweisen zu nutzen, steht zunächst vor der Frage: Welcher Ansatz ist für uns (zum Einstieg) sinnvoll?

Gleich vorweg: Jedes Unternehmen, jede Branche, jedes Produkt, jedes Team ist anders. Daher gibt es keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Dennoch möchte ich versuchen, die Unterschiede aus meiner Sicht zu beschreiben.

So startet man mit Scrum

Scrum ist häufig die agile „Einstiegsdroge“ und das hat seinen Grund. Durch feste Regeln zu Rollen, Meetings und weiteren Bestandteilen wie zum Beispiel dem Produktbacklog, gibt Scrum eine klare Struktur vor. Diesen Vorgaben können Teams nach Buch folgen. Scrum kann also prinzipiell jeder nutzen, auch ohne ein tiefergehendes agiles Verständnis und Mindset. Eine Herausforderung birgt die vermeindliche „Einfachheit“ jedoch:  „Scrum is easy to understand but difficult to master“ – denn Scrum zu beherrschen und die Vorteile daraus zu ziehen ist eine große Aufgabe. Scrum gibt keine Praktiken oder Methoden vor, etwa wie man sauberen Code schreibt oder ein sinnvolles Testing aufsetzt. Oder wie man Schätzungen und Forecasts angeht. Wenn man also nur den Regeln folgt und sich dem wichtigsten Mantra Inspect and Adapt im Team nicht ausreichend widmet, dann kommt man mit Scrum schnell an seine Grenzen. Verantwortlich gemacht für den ausbleibenden Erfolg wird dann häufig das Framework selbst, welches nicht den erhofften Nutzen herbeigeführt hat. Man muss sich jedoch klar machen, dass Scrum immer nur so gut ist wie das Team selbst. Die Einführung von Scrum ist etwas Revolutionäres, denn die bisherige Arbeitsweise wird komplett umgekrempelt. Aufbruchstimmung! Es wird klar: Hier ändert sich etwas. Aber Change ist niemals einfach. Agilität ist – entgegen der im Management häufig vertretenen Annahme – daher auch nicht gleichzusetzen mit Schnelligkeit, schon gar nicht von heute auf morgen. Es ist ein Lernprozess, eine Investition. Wem der Scrum Guide zu lang ist, der kann sich dieses Video als Einführung zu Scrum ansehen.

So startet man mit Kanban

Kanban geht die agile Transition etwas anders an, hierbei handelt es sich um einen evolutionären Prozess. Start with what you have: Nach dem Motto wird zunächst einmal das bestehende System – also der Arbeitsprozess – im Status Quo abgebildet. Kanban setzt auf die Visualisierung des Prozesses und auf die Identifikation von Flaschenhälsen. So können alle Rollen, Aufgabenbereiche und Arbeitsweisen zunächst bestehen bleiben, die Akzeptanz der Teams ist daher vielfach größer. Auch Kanban folgt festen Prinzipien, z.B. Limitiere Work in progress oder Implementiere Feedback-Zyklen. Klare Vorgaben, wie diese Prinzipien in die Tat umzusetzen sind, bestehen allerdings nicht. Daher muss das Team von Beginn an selbst auf eigene Lösungen und Verbesserungen kommen. Agil unerfahrenen Teams fällt dies häufig schwer, sie wünschen sich mehr Orientierung. Ein erfahrener Agile Coach kann Ideen und Ansätze einbringen, sollte jedoch dem Team Raum für eigene Entscheidungen und Lernerfahrungen geben. Anders als bei Scrum ist es bei Kanban dann nicht so einfach, das Framework zum Sündenbock zu machen. Denn Kanban gestaltet sich immer so, wie das Team es entschieden hat. Und kann jederzeit angepasst werden. Auch hier lernt das Team, passt seine Prozesse an und wird nach und nach Verbesserungen erleben. Einen kurzen Überblick über Kanban gibt dieses Video.

Gemeinsamkeiten

Scrum und Kanban stellen unterschiedliche Dinge in den Fokus, doch sind beides agile Arbeitsweisen die im Grunde genommen die gleichen Ziele verfolgen.:

  • Agile Werte & Prinzipien wie Fokus, Respekt, Kollaboration, Transparenz und Selbstorganisation
  • Kontinuierliche Verbesserung durch Feedbackzyklen, nach Inspect & Adapt, basierend auf empirischen Daten
  • Wertschöpfung in möglichst kurzen Iterationen
  • Effiziente, ergebnisorientierte und kundenfokussierte Zusammenarbeit
  • Vermeidung von Verschwendung
  • Pull-Systeme, in denen Teams neue Arbeit beginnen, wenn ein Ergebnis erreicht wurde.
    Anders als bei Push-Systemen. Die Schwäche von „Push“ erklärt sich in diesem Video ganz anschaulich.

Unterschiede im Überblick

Scrum Kanban
Fokus auf den Business Value:
Das Richtige tun
Fokus auf den Prozess:
Die Dinge richtig tun
Klar vorgegebene Regeln:
Rollen, Events & Artefakte
Beginne mit dem, was du hast:
Respektiere bestehende Rollen und Prozesse.
Zeitliche Iterationen:
Sprints mit einer Timebox von max. 1 Monat
Kontinuierlicher Prozess-Flow:
Begrenzung der Arbeit durch Work-in-Progress (WiP)-Limits
Arbeit wird in Paketen gezogen:
Vom Product Backlog ins Sprint Backlog
Arbeit wird Stück für Stück gezogen:
Aus der Input Queue, im Single-Piece-Flow

 

Was sollen wir für unser Team wählen?

Wie so oft ist die Antwort: Es kommt darauf an. Folgende Fragen kann man sich stellen:

  • Was soll mit agiler Arbeitsweise verbessert werden? Der Werschöpfungsprozess (Kanban)? Oder das Arbeitsergebnis (Scrum)?
  • Wie gut laufen die Arbeitsprozesse heute schon? Kann man drauf aufbauen (Kanban)? Oder sollte man einen kompletten Neuanfang starten (Scrum)?
  • Haben Leute im Team Erfahrung mit agilen Arbeitsweisen, auf denen man aufbauen kann? Wenn ja, mit welchen?
  • Wie offen ist das Team für (radikale) Veränderung?
  • Gibt es einen Agile Coach? Wie viel Erfahrung bringt er mit?

Wichtig finde ich, dass die Entscheidung im gesamten Team gemeinsam getroffen wird. Und dass man sich zuvor klar macht, welche Ziele man als Team verfolgt. Dann kann man nach einigen Wochen reflektieren, ob der gewählte Weg diese Ziele unterstützt. Ist dies nicht der Fall, sollte man nach neuen Wegen Ausschau halten und den Mut haben, diese zu gehen.

Stefanie Götten

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